Ein Jahr bei Hausens

(aus der Sicht unserer alten Hündin Candy)

Januar:
Es ist kalt, ich verbringe einen Großteil der Zeit vor dem warmen Kamin im Haus. Die Schafe sind auf der Winterkoppel. Wir werden täglich an der großen Herde trainiert. Macht Spaß! Abends nimmt Kai uns mit zum Pferdefüttern und Misten. Versuche krampfhaft, eine von diesen lästigen Mäusen im Stall zu erwischen. Die Ausritte und die Spaziergänge machen im Schnee besonders viel Spaß. Leider haben Kai und Ilka wenig Zeit, denn es wird ja so früh dunkel. Meine Tochter ist läufig, meine Enkelin auch! Habe die böse Vorahnung das es wieder kleine „Greifentaler“ gibt.

Februar:
Immer noch kalt, aber die Tage werden länger. Die Schafe sind nun hochtragend und wollen nicht mehr so wie ich will. Muss ein paar deutliche Worte an die Mädels richten. Kai lässt uns jetzt nicht mehr täglich an die Schafe. Meine Vorahnung hat sich bestätigt, Fay ist tragend. Benimmt sich ein wenig respektlos mir gegenüber. Muss mal mit ihr reden! Der Schnee ist geschmolzen. Es ist nass und schmuddelig, kein Wetter für mich. Bin ja auch nicht mehr die Jüngste. Diese Tage hat Kai uns entwurmt, brrr ... übelschmeckendes Zeug. Muss scheinbar sein. Habe das böse Wort „Impfen“ vernommen. Das bedeutet nichts Gutes.

März:
Wieder hatte ich Recht behalten; wir waren alle zum Impfen bei dem Tierarzt. Ätzend! Die Schafe lammen. Kai hat eine Übungstruppe auf eine extra Wiese gebracht, alles Lämmer vom letzten Jahr, die nicht tragend sind, sie sind nervös und schnell! Macht Riesenspaß, mit denen zu arbeiten. Die Leute, die immer wöchentlich zu den Übungsstunden kommen, tun sich mit ihren Hunden noch etwas schwer an den ungewohnt reagierenden Schafen. Die Hunde haben halt noch nicht die Erfahrung, die ich habe. Fay hat Welpen bekommen, meine Urenkel. Sind noch recht uninteressant. Werde mich demnächst mal etwas um die Kleinen kümmern und ihnen ein paar Benimmregeln näher bringen. Es wird wärmer, bestimmt darf ich bald wieder als Hilfshund mit zu Seminaren.

April:
Die Koppeln werden repariert. Die Pferde werden täglich zum Anweiden auf die Wiese gebracht. Wir sind immer dabei. Die Welpen werden munter. Die Schafe werden umgetrieben. Amy und ich müssen die verwirrten Lämmer und ihre aggressiven Mütter mit viel Geschick bearbeiten. Ein harter Job. Aber es müssen noch keine weiten Wege zurückgelegt werden. Der Übungstrupp arbeitet langsam williger mit. Allmählich wird auch das Wetter besser. Die ersten Küken schlüpfen bei den Hühnern und Enten.

Mai:
Ich ergreife erzieherische Maßnahmen bei den Welpen, bevor sie uns verlassen. Diesmal sieht es nicht so aus, als wollten Ilka und Kai einen behalten. Ich glaube, Fay ist recht glücklich, wieder ihre Ruhe zu haben. Niemand kann sie besser verstehen als ich. Habe ich ja immerhin auch ein paar Babies aufgezogen. Die Trial-Saison hat begonnen, ab jetzt werden wir wieder fast jedes Wochenende mit irgendwelchen fremden Schafen irgendwo in Deutschland zubringen. Was habe ich mich darauf gefreut, auch wenn ich nicht mehr die Kraft habe, noch an jedem Trial teilzunehmen. Kai ist sehr zufrieden mit der Leistung von Fay und Ewok. Die Schafe müssen zum Scheren in den Stall gebracht werden. Lux soll mir helfen. Wir müssen die Herde durchs ganze Dorf treiben. Nach der Schur und der Wurmkur müssen die Damen wieder auf die Weide. Wieder ein Job für Lux und mich. Die Böcke werden mit dem Anhänger auf eine extra Wiese gebracht. Die Pferde bleiben nun auch nachts auf der Weide. Somit entfällt für mich das Mäusefangen im Stall. Es gibt jeden Tag mehr Geflügelnachwuchs, um den ich mich aber noch nicht kümmern muss. Die Ausritte werden weniger, weil die Schafe so oft umgetrieben werden müssen. Ich genieße die ersten richtig warmen Sonnenstrahlen auf dem Hof.

Juni:
Die Lämmer wachsen schnell und damit auch ihr Appetit. Dies hat ein häufiges Umtreiben der Schafe zur Folge. Aber es ist ja jetzt schön lange hell, so dass genügend Zeit zum Training bleibt. Die Pferde müssen auf eine neue Weide gebracht werden. Alle Welpen haben den Hof verlassen. Aber neulich haben Kai und Ilka zum jährlichen Welpentreffen eingeladen. Wie immer waren viele meiner Kinder und Enkel da, auch die ersten Urenkel waren dabei. Jeder hat mir den nötigen Respekt entgegengebracht. War ein sehr schöner Tag. Muss jetzt abends immer das junge Geflügel in den Stall treiben. Feiner leichter Job mit erhöhtem Funfaktor. Die ersten Wiesen werden gemäht.

Juli:
Hausens machen Heu! Wenig Zeit zum Trainieren. Ein Trial jagt das nächste. An sehr heißen Tagen gehen wir mit Kai im Aartalsee schwimmen. Außer Amy finden das alle ganz phantastisch. Die ersten Zuchtschafe und Lämmer werden verkauft. Finde es wunderschön, auf dem Hof in der warmen Sonne zu dösen. Es ist herrlich, über die frischgemähten Wiesen zu toben. Besonders toll finden wir es, auf die Rundballen zu springen.

August:
Das Heu ist gemacht! Hausens sind zufrieden. Die Schafe mögen das verdörrte Gras nicht so gerne, und müssen daher wieder öfter umgetrieben werden. Auf den ersten Heuwiesen wächst wieder frisches Grün nach, aber es reicht noch nicht zum Abweiden. Die Bocklämmer werden von der Herde getrennt, und zu ihren Vätern auf die Weide gebracht. Ein Job für Lux und mich. Viel Shedding-Arbeit! Bei der Gelegenheit werden alle Schafe auch wieder entwurmt.
Die Hitze macht uns zu schaffen, aber wir können Kai ja nicht im Stich lassen. Abwechselnd kühlen wir uns im Wasserkübel ab.

September:
Die größte Hitze ist vorbei. Es wird etwas ruhiger bei Hausens. Mehr Zeit für ernsthaftes Training. Die letzten Zuchtschafe und Lämmer werden verkauft, so dass die Herde wieder etwas kleiner wird und somit länger auf den schön nachwachsenden Wiesen stehen kann. Mein Job beim Geflügeleintreiben wird auch leichter, weil schon ein paar Hähnchen in der Tiefkühltruhe gelandet sind. Ein paar Junghennen sind schon verkauft. Außerdem weiß das Geflügel jetzt schons wo der Stall ist. Die Tage werden schon etwas kürzer, und die Nächte schon kühler. Ich halte mich jetzt wieder mehr im Haus auf, weil es da immer schön kuschelig warm ist.

Oktober:
Der Herbst ist nun da, die Bocklämmer werden geschlachtet, dazu müssen sie verladen werden. Wieder helfen wir Kai. Die Blackface-Schaf-Mädels werden den Zuchtböcken zugeteilt, und die einzelnen Zuchtgruppen werden auf verschiedene Wiesen getrieben. Wir haben reichlich zu tun. Jeder von unserem Rudel findet seinen Einsatz. Es wird früher dunkel, deshalb müssen wir uns auch etwas beeilen. Das Geflügel ist bis auf das normale Maß wieder reduziert und findet alleine in den Stall, somit entfällt mein allabendlicher Job. Ich bin etwas traurig darüber. Kai scheint das zu ahnen und lässt mich, Ewok und Fay von Zeit zu Zeit an den Laufenten arbeiten.

November:
Die Pferde kommen wieder in den Stall beziehungsweise aufs Paddock. Somit kann ich abends wieder mit dem Mäusefang loslegen. Es hat schon mal nachts gefroren, außerdem ist es kalt und eklig. Kein Wetter für mich! Das Gras vergilbt, es ist überall feucht und matschig, und das Training macht bei so einem Sauwetter auch nicht richtig Spaß. Liege jetzt am liebsten am Kamin. Den Jüngeren scheint das alles nix auszumachen, aber ich als Rudelälteste genieße meinen Platz am Ofen in der Wärme.

Dezember:
Es schneit, die Schafgruppen werden wieder zusammengetrieben und alle werden auf die Winterkoppel gebracht. Alle Schafe sind belegt. Langweiliger Monat, die Tage sind so kurz, kaum Zeit für ausgedehnte Ausritte oder langes Training. Die Menschen feiern Weihnachten. Für jeden von uns liegt ein extra großer Knochen unter dem Weihnachtsbaum. Das Geknalle und Gepolter am Ende des Jahres könnte sich die Menschheit ruhig sparen, habe mich mal sicherheitshalber unter dem Sofa verkrochen. Aber ich sehe das positiv, jedes Mal, wenn so ein Krach war und der Himmel so leuchtete, fängt ein neues Jahr an. Es wird ähnlich ablaufen wie all die Jahre, die ich schon hier verlebt habe. Mein Rudel wird Hausens auch im nächsten Jahr wieder bei jeder anfallenden Arbeit begleiten und unterstützen. Und so träume ich unter der Couch schon wieder von den Lämmern, dem jungen Geflügel und ...!