Fays schwerer Schicksalsschlag

Es ist Donnerstag, der 04. August 2005 ... ein Donnerstag wie viele vorher, und eigentlich nix besonderes. Ilka ist mit den Kindern bei ihrer Mutter, und ich befinde mich mit einigen Helfern in den Vorbereitungen für unser erstes selbst organisiertes Trial. Ich fahre noch ein Fass Wasser zu unseren Pferden, damit die auch garantiert übers Wochenende zufrieden sind. Meine Eltern entscheiden spontan, mit den Hunden Gassi zu gehen, sollen sie doch, kann ja kein Schaden sein. (Welch fataler Gedanke!)

Gegen ca. 19.30 Uhr befinde ich mich immer noch auf der Weide, als mein Vater sichtlich erblasst  auftaucht. Auf meine Frage, was denn los wäre, bringt er nur hervor, dass etwas Furchtbares passiert ist und Fay in der Klinik liegt.

Schier außer mir vor Zorn und Verzweiflung schwinge ich mich in den Pick Up und fahre in die Klinik „Grube Königsberg“!

Dort empfängt mich meine Mutter mit den Worten „Es ist schlimmer, als wir dachten…“, denen die anwesende Tierärztin nur beipflichten kann. Jetzt erst verstehe ich, was passiert ist. Fay ist unter die Räder gekommen, und hat sich wohl den Schwanz abgerissen, direkt in der Nähe des Kreuzbeines. Das Schlimme daran, dort verlaufen die Nerven, die zu Blase und Darm führen und eine selbstständige Entleerung dieser Organe beeinflussen. Ein Blick aufs Röntgenbild treibt mir die Tränen in die Augen. „Der Schwanz muss amputiert werden“ , so die Aussage der TA, „und ob der Rest wieder wird, lässt sich noch nicht sagen“!

Ich gehe zu Fay, die unter Schock steht und in einem Zwinger liegt. Sie freut sich sichtlich, mich zu sehen, wirkt verzweifelt und vom Schmerz gezeichnet. Ein Schwanzwedeln ist nicht möglich. Nun begreife ich erst die Schwere der Situation, mein Zorn weicht zunehmend dem Gefühl von Verzweiflung und Entsetzen. Wieso Fay? Wieso nicht irgendeiner von den anderen? (Gedanken, die man, glaube ich heute, nicht mehr so für Ernst nehmen sollte). Da liegt mein bester Hund, Ilkas Hund und das absolute Familienheiligtum!

Wir fahren nach Hause, Fay muss in der Klinik bleiben. Ilka wird informiert. Den Job überlasse ich meiner Mutter, ich kann ihr das nicht sagen. In meiner Verzweiflung telefoniere ich mit Barbara Henrich, einer guten Freundin der Familie und in solchen Situationen hilfreich!

Ich kann nicht begreifen, wie das alles passieren konnte. Ilka kommt nach Hause und ist schon völlig am Ende! Tränen kullern über ihr Gesicht. Für uns beginnt die furchtbarste Zeit unseres bisherigen gemeinsamen Lebens….! 

 

Freitag, 05.08.2005
Wir haben beschlossen, Fay in die Kleintierklinik nach Heskem zu bringen. Unser Vertrauen setzen wir auf Dr. Lemmer, der seit Jahren alle unsere „hündischen Probleme“ betreut.
Ilka bringt Fay dorthin. Wirklich zuversichtlich ist aber leider auch hier niemand. Die Aussage der Ärzte “ Nun schauen wir erstmal, was alles kaputt ist, ggf. lohnt sich eine Schwanzamputation gar nicht mehr und wir müssen sie direkt einschläfern!“. Diese niederschmetternde Auskunft gibt Ilka den Rest. Völlig fertig beende ich meine Arbeit und fahre ebenfalls in die Klinik nach Heskem. Alle unsere Tränen nützen nichts, Fay muss in der Klinik bleiben. Zu diesem Zeitpunkt kann sie nicht selbstständig Kot und Urin absetzen, schont das rechte Hinterbein und blutet am Hintern. Insgesamt wirkt Fay aber wesentlich entspannter als am Abend vorher. Zuhause laufen die Vorbereitungen fürs Trial, und die ersten Gäste kommen an. Eigentlich sollte eine Helferfete steigen, aber ich kann nicht und Ilka erst recht nicht. Viele gute Freunde nehmen uns eine Menge Arbeit ab, und kümmern sich rührend um uns. Die Abwechslung tut uns gut. Aus Heskem leider nur die Nachricht, dass Fay einen guten Allgemeinzustand hat, man aber mehr noch nicht sagen kann. Sie bekommt Schmerzmittel und Cortison.

Samstag, 06.08.2005
Der Tag des Highlandtrials. Ich persönlich flüchte mich also in die Ablenkung und Ilka versucht es mir gleichzutun. Alle 4 Stunden telefoniert sie mit der Klinik in Heskem.
Keine weitere Veränderung. Über den Tag rede ich mit sämtlichen anwesenden Tierärzten über unseren Fall. Gisela Norrman und Sandra Gierling haben ein paar Tipps auf Lager, die ich sofort an Ilka weitergebe. Beide versuchen, uns Mut zu machen. Endlich eine Nachricht aus Heskem, „Fay ist nicht querschnittsgelähmt, das Bein schont sie nur aufgrund eines Hämatoms.“ Ein kleiner Hoffnungsschimmer.
Viele gute Freunde und das Trial lassen uns ein wenig mehr Raum für schönere Gedanken.
Bei jedem Lauf eines der vielen anwesenden Faykinder denke ich an unsere Hündin, sehe sie vor mir und hoffe, dass es wieder so sein wird, und wir sie nicht verlieren!

Sonntag, 07.08.2005
Nachricht aus Heskem: „Wir amputieren morgen früh“! Insgeheim denke ich, wenn es sich doch nicht mehr lohnen würde, hätten sie doch nicht vor zu amputieren. Leider kann Fay immer noch nicht die Blase entleeren und wird katheterisiert. Das heißt, unser arme Fay bekommt nun dreimal täglich einen Katheter geschoben. Leider lässt sich die Blase bei ihr nicht einfach so ausdrücken, was besser wäre!
„Der Hund sei außergewöhnlich gut drauf“ sagt man uns, na ja, was nützt uns das.
Die Aufräumarbeiten für unser Trial sind erledigt, und die Freunde abgereist. Nun holt uns unser Elend erbarmungslos ein.

Montag, 08.08.2005
Der Schwanz ist ab! Direkt am Kreuzbein. Also noch viel weniger, als man vielleicht früher bei einem Boxer kupiert hätte. Die OP verlief ohne Probleme. Nun heißt es warten, ob sie pinkelt. Ich ziehe alle Register und versuche, soviel Hilfe von allen Seiten wie möglich zu bekommen. Ich, der ich auf Pflanzenkunde und alternative Medizin überhaupt nix gebe, beschaffe zusammen mit Ilka sämtliche Globuli, die irgendwie empfohlen werden. Wir bekommen den Tipp, Akupunktur und Lasertherapie könnten helfen. Alles wird versucht.
Ich telefoniere mit der Tierklinik in Hofheim, die Koryphäen auf dem Gebiet der Neurologie.
Ein eiliger Notfalltermin wird vereinbart. Ich klammere mich fest daran, dass diese Spezialisten unsere Fay retten können. Man kann doch sogar Hunde klonen, warum sollte man dann einen Hund wegen einem abgerissenen Schwanz verlieren?

Dienstag, 09.08.2005
Ilka holt Fay aus der Klinik. Sie darf nach Hause.
Ich höre früher mit der Arbeit auf, wir müssen nach Hofheim! Zuhause trifft mich fast der Schlag. Unser Hund, ohne Schwanz, am Hintern rasiert, eine Riesennaht, ein großer Trichter um den Hals, aber offensichtlich froh, zu Hause zu sein. Wieder überkommen mich die Tränen, was war sie doch früher für eine strahlende, stolze Schönheit! Und jetzt…?
Naja, ich klammere mich an Hofheim! Dort angekommen verfinstern sich die Gesichter der Ärzte beim Anblick der Röntgenaufnahmen. Man nimmt uns Fay aus der Hand und schickt uns ins Wartezimmer. Ich verdränge die Erkenntnis, dass dies kein gutes Zeichen ist.
Aber die niederschmetternde Auskunft folgt auf dem Fuß. Man erklärt uns sehr freundlich, aber bestimmt, dass die Aussichten eher trübe sind. Es sei schwer zu sagen, ob das wieder wird, und welche Nerven betroffen sind. Wir bekommen Medikamente, die die Blasentätigkeit anregen sollen. Sollten diese nicht innerhalb der nächsten 14 Tage anschlagen, sei mit einer Besserung nicht mehr zu rechnen. Man müsse dann eine Entscheidung fällen. Für den Hund!!!
Das war’s, all meine Hoffnungen sind dahin. Ich kann meine Tränen nur schwer unterdrücken, Ilka geht es genauso. Soll das das Ende gewesen sein? Ich telefoniere mit sämtlichen uns bekannten Tierärzten, alle versuchen, mir Mut zu machen, man soll doch die Hoffnung nicht aufgeben, und so weiter…!
Ich habe keine Hoffnung mehr. Wir werden unsere geliebte Fay verlieren. Ich hätte nie wirklich gedacht, dass gerade dieser Hund mir so nahe steht!
Abends beim Katheterlegen klappt Ilka dann endgültig zusammen. Die Frau, die unseren zweiten Sohn im Wohnzimmer problemlos zur Welt brachte, ist nun wirklich am Ende. Sie bricht in der Praxis einfach zusammen! 

Mittwoch, 10.08.2005
Söhnchen Jan hat Geburtstag, aber selbst das kann Ilka nicht auf andere Gedanken bringen.
So hart, wie´s ist, aber kurzum wird der Geburtstag auf das Wochenende vertagt.
Ilka fährt nun täglich mit Fay von einem TA zum anderen. Einer für die Lasertherapie, einer für Akupunktur, einer, der die Blase katheterisiert, usw.
Das schlimmste an allem, Fay geht es an sich wirklich gut. Sie langweilt sich natürlich, aber genießt offenbar die große Zuwendung. Abends treibt sie die Hühner und Enten in den Stall und ein klein wenig durchs Gehege. Ihre Augen funkeln dabei, so wie früher! Warum verliere ich diesen Hund?

Donnerstag, 11.08.2005
Über den Tag gibt es keine Neuigkeiten! Das Leben geht weiter, und die Schafe haben Hunger. Es nützt nix, ich muss mich ja auch um die anderen Tiere kümmern. Also stelle ich meine Schafe um. Schon wieder vermisse ich Fay, die sonst die erste am Tor war, die zu diesem Job mitwollte. Als ich nach Hause komme, empfängt Ilka mich freudestrahlend, Fay hat gepinkelt!!!!!! Sofort wird der Hund ins Auto gepackt und ich schicke Ilka zum TA, der ausschließen soll, dads es sich um eine Überlaufblase handelt. Sollten wir wirklich Glück gehabt haben? So viel Glück? Der TA bestätigt, die Blase ist kleiner als sonst, und definitiv keine Überlaufblase! Hoffnung macht sich breit, diesmal sind es Freudentränen auf unseren Gesichtern.

Freitag, 12.08.2005
Fay pinkelt selbstständig und so, als ob das nie ein Problem gewesen wäre! Nur beim Kotabsetzen quält sie sich noch sehr! Unbändige Freude überkommt uns, vor allem Ilka ist sichtlich erleichtert über die Entwicklung. Der TA macht ihr klar, dass wir noch nicht über den Berg sind, aber für Ilka gibt es kein Halten mehr. Unsere schlimmsten Befürchtungen weichen großer Freude und Dankbarkeit! Sämtliche TÄ äußern sich optimistisch!

Samstag, 13.08.2005
Ilka und Fay strahlen um die Wette. Ich versuche, meine Euphorie in Grenzen zu halten. Die Blase entleert sich noch nicht vollständig, aber es muss nur noch einmal am Tag ein Katheter gelegt werden. Wir sind auf dem Wege der Besserung. Für mich unglaublich angesichts dieser Prognose. Fays Naht macht ein paar Probleme, der Schließmuskel arbeitet noch gar nicht, aber gemessen an dem, was hätte sein können, sind das alles nur noch kleine Fische!

Sonntag, 14.08.2005
Wir holen Jans Geburtstag nach. Fay ist natürlich mit dabei. Hier und da fällt natürlich ein Stück vom Geburtstagskuchen für Fay ab. Wer kümmert sich jetzt noch um die Erziehung?
Das ist doch alles Schnee von gestern. Fay darf ab sofort alles!!! Zumindest fast alles :)
Ilka findet langsam wieder in ihre alte Fassung. Alle Gäste freuen sich mit uns über Fays Genesung. Auch unsere Kinder scheinen zu verstehen, dass es jetzt Fay und Mama wieder besser geht.

Montag, 15.08.2005
Fays Geburtstag! Große Angst habe ich vor unserem heutigen Besuch in Hofheim. Ich denke, jeden Moment kommt wieder ein Schlag von links. Aber weit gefehlt! Selbst Hofheim macht uns Hoffnung. Natürlich sind wir noch nicht über den Berg, aber die Entwicklung der Blasentätigkeit sei ein ausgesprochen gutes Zeichen und die Einschläfertheorie kann erstmal weit nach hinten verschoben werden! Der Anus könnte gelähmt bleiben, aber wenn uns eine dauerhafte Stuhlinkontinenz nicht stören würde, gäbe es keine Veranlassung, den Hund einzuschläfern. Gesundheitlich beeinträchtigt sei Fay deswegen nicht! Es müsse eben abgewartet werden, wie sich die Dinge entwickeln, auch ohne Medikamente!
Wir sind endgültig davon überzeugt, dass wir immens großes Glück gehabt haben und unsere über alles geliebte Fay noch ein paar Jahre behalten können. Ein schöneres Geburtstagsgeschenk hätte es für uns und Fay nicht geben können. Ausgestattet mit neuer Hoffnung und der Gewissheit, dass alles wieder werden könnte, fahren wir weiter zur Akupunktur nach Nidderau. Dr. Rogalla ist noch wesentlich zuversichtlicher als die Ärzte in Hofheim und bekräftigt unsere Hoffnung auf eine vollständige Genesung unserer Fay.
Diese könne sicher noch ein halbes Jahr dauern, aber es könnte durchaus auch die Stuhlinkontinenz noch vergehen. Auch der dritte TA an diesem Tag gibt uns Recht, Fay benötigt ab sofort keinen Katheter mehr. Fay darf auch bald wieder arbeiten, die Medikamente sollen wir noch eine Zeitlang geben, und dann langsam absetzen. Einhellige Erleichterung in der Familie, unser Rudel bleibt komplett. So lautet wenigstens die Prognose!!!
Wir sind voll der Hoffnung, dass wir Fay wirklich behalten können, sie keine Rückschläge mehr bekommt, ihre Blase auch ohne Medikamente im Griff hat, die Kotfrage sich vielleicht auch noch zum Besten wendet und ich im nächsten Jahr mit dem einzigen kurzschwänzigen Border Collie Deutschlands wieder in Klasse 3 am Startpfosten stehe! Neben mir ein gespannt strahlendes blaues Auge, und eine Fay, die zumindest theoretisch bis in die Schwanzspitze gespannt ihrer Arbeit entgegenfiebert!
Wir möchten uns bei allen bedanken, die uns in dieser schweren Zeit unterstützt haben. Allen voran die vielen Tierärzte, die Tierklinik Hofheim im Taunus, Dr. Lemmer in Heskem, Dr. Clemens in Hohenahr, Dr. Rogalla in Nidderau, die Tierarztpraxis Konschewski in Butzbach, Gisela Norrman in Lepperhof, Sandra Gierling in Langenbach/Pfalz usw.
Natürlich gilt unser Dank auch allen, die uns emotional und mit praktischen Tips zur Seite gestanden haben, sich immer wieder nach Fay erkundigten und mit uns gelitten haben.
Hier vor allem Barbara und Familie, Tanja und Ebbi und Familie, Sanny, Caro, Heike, Tanja und Uli aus dem Frankenland, Birgit und Jochen, das Moderatorenteam vom Dogforum, meine Arbeitskollegen (hier vor allem Claudia, die unheimlich viel allein machen musste und sich nie beschwert hat), der wöchentliche Übungstrupp, all die vielen Freunde und Bekannte, die ich jetzt nicht mehr aufgezählt habe und natürlich meine Eltern, die mindestens genauso gelitten haben wie wir.
Irgendwann werde ich an dieser Stelle sicher berichten, wie sich alles entwickelt hat. Aber jetzt hoffen wir erstmal das Beste! Wir sind noch nicht über den Berg, aber die Spitze haben wir erklommen. Den Rest schaffen wir hoffentlich auch noch!
Ich werde zukünftig meine Zeit mit jedem unserer Hunde oder den vielen anderen Tiere noch intensiver genießen, jetzt, wo ich weiß, wie schnell es vorbei sein könnte!
Fay wird nie mehr mit dem Schwanz wedeln, aber ich bin mir sicher, dass sie einen Weg finden wird, uns ihre Freude zu zeigen. Womöglich wird sie auch noch lange, oder für immer Schwierigkeiten mit dem Kotabgang haben, aber ich bin mir absolut sicher, dass wir richtig gehandelt haben.
Vielleicht seht ihr mal jemanden auf einem Trial mit einem kurzschwänzigen Border an der Seite, bevor ihr euch Gedanken macht. Es könnte Kai sein mit einer verunfallten, aber brillanten, blauäugigen, tapferen Hündin an seiner Seite.

Fortsetzung folgt (irgendwann)……!

Hier nun die Fortsetzung von Fay´s Story:
.... Wir haben es tatsächlich geschafft! Fay ist über den Berg, auch die Schließmuskelproblematik hat sich zu 90% gegeben. Seit einiger Zeit trainieren wir wieder zusammen, und mal abgesehen von den verständlichen, konditionellen Schwächen arbeitet sie wieder so verlässlich und powervoll wie vor diesem furchtbaren Unfall. Nachdem nun auch wieder Fell über die Wunde wächst, könnte man sogar fast vergessen, dass sie keinen Schwanz mehr hat:-) Ich ziehe ernsthaft in Erwägung, sie dieses Jahr noch auf einem Trial zu starten, je nachdem, wie weit wir ihre Kondition wieder aufgebaut bekommen. Wir sind unheimlich froh und glücklich, dass wir unsere geliebte Fay nicht verloren haben, und im sprichwörtlichen Sinne noch mal mit einem blauen Auge davon gekommen sind! Vielen Dank noch mal an alle, die uns unterstützt und uns immer wieder Mut zugesprochen haben.