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Sylt - ein Abenteuerurlaub (2016)Ab einem gewissen Alter stellt sich ja die Frage nach Dingen, die ein Mann unbedingt getan haben sollte. Ein solches bot sich mir im Sommer 2016 förmlich an. Eine Bekannte betreibt mit ihrer Schafherde Landschaftspflege auf Deutschlands nördlichster Insel und suchte über Facebook eine Urlaubsvertretung für ihren Schäfer. Ziemlich spontan und ohne wirklich nachzudenken witterte ich die einmalige Chance auf ein Abenteuer und gleichzeitig einen Urlaub für die Familie. Ein Anruf und schnell war klar, HAUSENS machen Urlaub auf Sylt und Kai hütet 500 Schafe. Vorfreude verdrängte erstmal jeden Zweifel. Je näher der "Urlaub" aber kam, desto mehr schob ich Panik. Selbstzweifel und Nervosität stellten sich ein. Würde ich das schaffen? Würden meine Hunde das schaffen? Welche Hunde nehme ich mit? Wie macht man das mit 500!!! Schafen? Das größte, was meine Hunde mal vor der Nase hatten, waren 200. Egal, es gab kein Zurück mehr. Ilka und die Kinder freuten sich, und so musste ich nun durch. Für einen Rückzieher war ich mir auch zu stolz. Ende Juli ging es frühmorgens mit dem stramm gepackten Pick Up in Richtung Norden. Niebüll war das Ziel. Im Gepäck Ilka, Jan und Lenya (Nick hatte keine Lust auf Familienurlaub) und die Vierbeiner Kerry, Moon, Pina und Klein Tilda (eher der Form halber) und natürlich Bisquit als moralische Unterstützung. Logistisch natürlich eine Glanzleistung erreichten wir aber doch am frühen Mittag den Autozug in Niebüll, der uns ziemlich zügig nach Westerland schaffte. Nach Sichtung der Residenz machten wir uns auf die kurze Suche nach der Schafherde und der Chefin, die mich noch einweisen sollte. Man fand sich und die Freude war beidseits groß. Insgeheim aber ließ ich schon mal die „große Herde“ auf mich wirken. Vor der Arbeit gings erstmal Fisch futtern bei Gosch. Und schon zeichnete sich ab, auf welch elitärem Pflaster ich die nächsten Tage weiden sollte. Gut gestärkt und nachdem alles Gepäck verstaut war, gings mit Chefin Uta Wree, ihrem Sohn Finn, ihren Hunden und meiner Kerry erstmals an die Herde. Ruhig erklärte mir Uta, worauf ich zu achten hätte. Die 503 (aha) Damen der Rasse Norsk Spelsau hören auf einen Lockruf, ich versuchte, mir diesen zu merken. Der Hund sollte eher ruhig arbeiten (na prima, Kerrys Stärke...) und sich gut positionieren. Nicht zu viel schieben und die Herde nicht beunruhigen. OK! Soweit, so gut. Einsatzgebiet war die Braderuper Heide, die in prächtig lilafarbener Blüte stand. Gelegen an der Wattseite der Insel zwischen Braderup und Kampen. Traumschön. Also wirklich traumhaft schön, die Kulisse für mein Abenteuer hätte nicht besser gewählt sein können. Aufgabe meiner 503 Arbeiterinnen war der Verbiss der Heide und vor allem das Wegfuttern von allem grasartigen Aufwuchs und der Kartoffelrose. Letztere breitet sich rasant auf der Insel aus und wuchert die Heide zu, wird aber von den Schafen wirklich sehr geschätzt und scheint zu schmecken. Ich versuchte mir alles zu merken. Nach abendlichem Kabarett-Ausflug gings morgens beizeiten nochmal mit Uta los. Abermals versuchte ich mir alles zu merken und hatte aber doch Schwierigkeiten, meiner stürmischen Kerry zu vertrauen. Die Schafe aber waren wirklich brav und schienen das Spiel zu kennen. Ich fühlte mich gut gerüstet mit allen nötigen Infos, war aber immer noch nervös. Die Mittagspause wurde zum Strandausflug genutzt. Hundestrand in Rantum. Traumhaft schön wieder, aber ein Erlebnis, wenn man feststellen muss, dass die Vierbeiner genau jetzt läufig geworden sind. Mmmpf! Naja… man wächst ja an seinen Aufgaben. Und in der Tat, ich sollte daran wachsen. Uta und Finn verließen uns nach dem Strandbesuch, und ich war nun allein mit Utas Schafen und meinen Hunden. Natürlich mit familiärer Unterstützung, aber doch eigenverantwortlich für die Ladies und die Heide. Keine Zeit mehr für Selbstzweifel.
Ausgerüstet mit einem Rucksack mit diversen Notfall-Klamotten, einer Flasche Wasser und dem Handy fahre ich zur Herde. Die Damen schauen irritiert, aber hungrig. Kerry und Moon sollen mir helfen. Voller Respekt öffne ich den Pferch und versuche den Lockruf. Fehlanzeige! ok… nochmal…. "Komma Schoppii" - "Kooommmaaaaaaaa" . Irritiert schauen zwei Border Collies mich an, aber siehe da… die Herde setzt sich in Bewegung. Sie folgen mir, sie folgen mir in die Heide. Ein ergreifendes Gefühl wächst in mir. Ich schicke Kerry, sie läuft erstaunlich weit und seeeehr geschmeidig. It works!!!!! Es klappt tatsächlich, genauso wie am Morgen. Nun beginne ich damit, meine Arbeit zu genießen. Die Herde weidet ruhig, und die Border Collies lernen, sich sinnig und konstruktiv zu bewegen. Die Heide ist durchzogen mit Wanderwegen, und diese sind frequentiert von vielen Wanderern, Joggern und Reitern. Ich versuche Kerry und Moon so einzusetzen, dass die Herde auf mich zu fressen kann und keine Tiere auf den Wegen parken. Klappt super! Und schon ist man mit den ersten "Touries" im Gespräch. "Sind das Ihre Schafe? Wieviele sind das denn? Ach die Hunde machen das aber toll! Kommen Sie von der Insel? Sind das Border Collies? Die sind ja so klein!" usw. Ich gestehe, ich habe Spaß und unterhalte mich prächtig, dieweil die Herde sich den Wanst vollschlägt.
Aber die Schafe haben eine Eigendynamik. Meist nach einer halben Stunde scheint den ersten die aktuelle Menükarte nicht mehr zu gefallen, und es gelüstet die Damen nach einer anderen Option. Ich ziehe also ruhig weiter und ziele auf eine Rosenhecke. Sie fallen drüber her wie die Heuschrecken. Faszinierend! Danach nochmal Gras oder Strandhafer, zwischendurch wieder Heidekraut und noch die ein oder andere Rose. Ich glaube, ich verstehe wie sie ticken. Nach dreieinhalb Stunden wirken die Damen recht zufrieden und satt und gaaaanz langsam ziehe ich mit den Ladies in den Nachtpferch. Auch das klappt hervorragend. 503 Schafe schlendern ruhig in den Pferch, zwei müde Collies formen die Herde zu einem langen Schlauch. It works!!! Ich freue mich.
Müde, aber unfassbar stolz stelle ich fest, DAS könnte mir gefallen. Und meinen Hunden auch. In den nächsten Tagen darf ich feststellen, wie schnell meine Hunde ihren neuen Job verstehen und wie gut sie ihre neue Aufgabe meistern. Für alle ist es am schwersten, auch mal mit mir VOR den Schafen zu laufen, die langsam äsende Herde im Schlepptau. Vor allem Moon kann dem so gar nichts abgewinnen. Dafür findet sie großen Gefallen am Bremsen der Schafe vor dem nächsten Wanderweg. Penibel und selbstständig achtet sie darauf, dass keines der Tiere den Weg betritt. Pina mausert sich in kürzester Zeit zum Highlight des Trios. Sie legt die schönsten Flanken hin, erkennt die Situationen, wo sie gebraucht wird, arbeitet sehr ruhig, ohne die Herde zu beunruhigen, und schiebt dann, wenn es vonnöten ist. Ein wirklich kluges Mädchen, aber das war ja schon länger klar. Weniger klar war, ob Kerry sich sinnig einbringen kann. Unser Verhältnis ist aufgrund ihrer Darbietung auf der DM mehr als angespannt. Aber Kerry blüht auf. Zuerst noch stürmisch, findet sie schnell zur Ruhe und wächst deutlich an ihrer Aufgabe, und ich muss mir zugestehen, DAS ist das, was Kerry wirklich will. Sie fliegt auf freien Flanken durch die Heide, "steht" auf einem Hügel, um dort Präsenz zu zeigen, wo sie gebraucht wird. Sie arbeitet ruhig am Druckpunkt der Herde und manövriert die Tiere verlässlich durch die Landschaft. Ich erkenne sie kaum wieder. Sagenhaft! Es macht mir große Freude, meine Hunde bei der Arbeit zu sehen, wie sie aufblühen, wie sie verstehen, was verlangt und notwendig ist, und wie sie mit mir zusammenarbeiten. Ruhig und effektiv. Es ist grandios.
Natürlich ist nicht alles so idyllisch wie bisher beschrieben. Regen und Sturm können sowohl Mensch als auch Tier die Stimmung versauen. Und mit dem Wetter auf der Insel ist nicht zu scherzen, das erkenne ich sehr schnell. Während einer „Schicht“ zieh ich mir mehrmals Jacke und Pulli an und wieder aus. Notfall-Gummistiefel schleppe ich sicherheitshalber mit mir rum, und wenn der Himmel sich verdunkelt und die Schafe sich zusammenrotten, dann kann ich schon mal in die Regentracht schlüpfen.
Weitaus schlimmer als das Wetter sind freilaufende Hunde mit Kollisionskurs auf die Herde. Ich verbuche einen Terrier und einen Landseer in den Schafen, aber es ging immer glimpflich aus. Reiter sind auch etwas problematisch, die Pferde scheinen die Schafe nicht zu mögen.
Aber all diese Sachen können die schönen Seiten meines Urlaubes nicht trüben. Und ganz langsam erkenne ich auch in den 503 Damen einzelne Charaktere wieder. Da gibt es die neugierige Braune, die immer versucht und testet, ob der Hund es wirklich ernst meint. Die dicke Schwarze, die frisst wie Shirley aus "Shawn das Schaf". Die Alte, und vor allem ein braungeschecktes junges Schaf mit deutlichen unverwechselbaren weißen Abzeichen. Sie weidet IMMER in meiner Nähe. Immer ist sie da, nie aufdringlich, aber immer so, das ich sie sehen muss. Eine brave zierliche, offensichtlich noch junge Aue. Ich beobachte sie, und sie mich. Es ist mir, als würden wir eine Beziehung zueinander aufbauen. Und natürlich unbedingt erwähnen, die zwei Flaschenlämmer „Tesa und Pisa“. Echt witzige kleine Lämmer und der Hingucker für die Wanderer. Und so wird einmal mehr klar, selbst wenn alle gleich aussehen, so sind doch alle Schafe einer Herde sehr verschieden.
Ich hatte Glück mit dem Wetter und meistens Sonnenschein. Hat natürlich zur Folge, daxs ich öfters den Wasserwagen auffüllen muß. Beim Versetzen des Nachtpferches helfen mir Ilka und die Kinder, ich habe mal angeordnet, dass sie sich auch einbringen müssen.
Zwischen dem Hüten geht’s an den Strand. Jeden Tag.
Nach 10 Tagen endet mein Dasein als Schäfer und ich muss mich verabschieden. Es fällt mir schwer, obwohl das Wetter der Insel es mir leicht machen wollte. Es regnet waagerecht. Ein wenig wehmütig schau ich auf "meine Herde". Besonders auf die gescheckte Braune. Sie weidet wieder genau vor mir. Wie gern würde ich sie mitnehmen, aber im Pick up ist wirklich kein Platz mehr. Vorbei mein Abenteuer. Fazit: Ich würde es wieder tun!!! Es war eine wirklich schöne und für Mensch und Hund lehrreiche Erfahrung. Ich bin sehr stolz auf meine Hunde und bewundere einmal mehr ihre Leistung. Das Leben als Schäfer ist aber kein Zuckerschlecken. Vielmehr ein Job, der durchaus fordert. Aber ein schöner Job, selbst bei fiesem Wetter. Ich habe unheimlich viele Menschen getroffen, hatte sehr viel Unterhaltung auf der Heide und habe sowohl die Zeit auf der Heide als auch die mit der Familie sehr genossen. Ein traumschöner und sehr erlebnisreicher Urlaub. Gerne wieder!!!! |